Über die Fähigkeit zur Selbststeuerung… 

Sie sind gefordert: „jumping targets“ und permanente veränderte Risikobewertungen, nichts ist wirklich sicher –  ständig neue Projekte mit anderen Menschen, ineinander geschachtelt – der berühmte „Sack Reis, der in China umfällt“, erhält plötzlich Bedeutung, mit der keiner gerechnet hat –  und jede Ihrer Entscheidung ist voller Zielkonflikte.

Die rationale, kognitiv-analytische Seite in uns, die Logik, ist dieser Komplexität (Nichtbeherrschbarkeit und Nichtkontrollierbarkeit) allein nicht gewachsen.
Gefühle werden zu immer mächtigeren Steuerelementen des Führens und Entscheidens. Freude, Neugier, Zuversicht, Tatendrang und Mut werden durchmischt/überlagert von den unangenehmeren Gefühlen wie Ohnmacht, Unsicherheit, Angst, Wut, Ärger, Empörung.
Ob Sie stimmig handeln, (selbst-) bewusst, souverän, authentisch, verantwortungsbewusst und wirkungsvoll – oder aktionistisch, fatalistisch, abwertend-überheblich, konkurrenzorientiert – das wird sehr stark durch Ihren Umgang mit Ihren Gefühlen gesteuert.

Und für Sie als Führungskraft sind da zusätzlich noch die Gefühlswelten der Mitarbeiter, die die schöne Arbeitswelt „stören“. Und das sind nicht nur Gefühle von „Friede, Freude, Eierkuchen“. irrationale Argumente, Fatalismus, Wut und Tränen, überzogene Forderungen und und und….

Alles zusammen ist manchmal ganz schön heftig!
Wie damit umgehen? Wegdrücken? Verdrängen?  Einfach rauslassen? Cool bleiben? 

Fähigkeit zur Selbststeuerung ist das Lernfeld und wird zu einer Kernkompetenz. Die Selbststeuerungsfähigkeit der Mitarbeiter zu aktivieren, ist ein zentrales Führungsinstrument.

Es klingt für viele erst mal widersprüchlich:  Um all die Ansätze, die es gibt für den Umgang mit komplexen Situationen zur Wirkung bringen zu können, braucht es einen klaren Kopf – und den gibt es nur, wenn auch die Gefühlswelt klar ist – sowohl in mir selbst als auch im Gegenüber.
Es geht dabei nicht um Selbstkontrolle oder Selbstbeherrschung, sondern um die integrierende Steuerung aller in der Persönlichkeit wirksamen Kräfte.
Daraus entsteht verantwortungsvolles, klares Handeln in der VUCA-Welt.

Zunächst eine gute Nachricht aus Sicht der Neurobiologie:  Selbststeuerung ist eine Fähigkeit, die man lernen kann!

Die folgenden ausgewählten Ansätze finden wir dazu wirkungsvoll:

Das Konzept der autonomen Persönlichkeit ist ein Zielbild der Persönlichkeitsentwicklung aus der Transaktionsanalyse:

Autonomie ist beschrieben durch die

  • Bewusstheit: Die Fähigkeit, sich selbst (staunend) zu beobachten, sich selbst als denkendes, fühlendes und handelndes Subjekt wahrzunehmen und zu reflektieren. (Damasio nennt das den Selbst-Sinn)
  • Spontaneität: Die Fähigkeit, situationsangemessen aus einem großen Repertoire an Optionen des Denkens, Fühlens und Verhaltens wählen zu können ( im Unterschied zu einem reflexhaften Abspulen gewohnter Muster)
  • Intimität: als Fähigkeit, wahrhaftig, offen und ganzheitlich anderen Menschen begegnen zu können
Das Konzept der Emotionalen Intelligenz von Goleman:

Goleman gibt dem kognitiven Lernen ( „Spock-Intelligenz“) als Gefährten das emotionale Lernen zur Hand. In der aktuellen Neurobiologie entspricht dies auch den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Prozesse im Gehirn. Fünf Fähigkeiten gehören dazu:

  • Die eigenen Emotionen kennen
  • Die eigenen Emotionen handhaben
  • Emotionen in die Tat umsetzen, einem Ziel dienlich machen
  • Empathie für die Emotionen anderer
  • Aktive Beziehungsgestaltung in Bezug auf emotionale Dynamiken

Eine interessante, wenn auch amerikanisch-plakative Erweiterung findet sich bei Chade-Meng Tan, „searching inside yourself“, eine Darstellung eines zentralen Aspektes des Google-PE-Konzeptes.

Das Konzept der Achtsamkeit und Präsenz (persönliche wie auch organisationale):

Sehen Sie mal ab von ommmhhh etc.!  Natürlich ist (ZEN-) Meditation eine sehr wirksame Methode – jedoch nicht Jedermanns-Sache.
Es gibt jedoch genauso interessante und wirkungsvolle Ansätze wie Atemmethoden, andere körperorientierte Ansätze wie Yoga etc.. oder die Körperintelligenzansätze von Bryner/Markova oder Karl Grunick.
Eine Entscheidung gehört jedoch immer dazu:  Die Verantwortung für das eigene Denken, Fühlen und Verhalten bewusst zu übernehmen.

Frei nach dem Motto:  Sie MÜSSEN NICHTS auf eine bestimmet Art tun, jedoch die Verantwortung für die Auswirkungen, Risiken und Nebenwirkungen Ihres Tuns, die haben Sie.  Oder wie es Viktor Frankl ausgedrückt hatte: „ich muss mir von mir selbst auch nicht alles gefallen lassen!“

Konzeptionelle Aspekte  aus der sokratischen Philosophie:

Ein interessanter Ansatz kommt noch aus der Philosophie. Hannah Arendt beschreibt in ihrem Buch über Sokrates die Bedeutung des reflektierenden und klärenden Dialogs. In abgewandelter Form lässt sich daraus die Führungsaufgabe ableiten, die Bürger/ Mitarbeiter wahrhaftiger zu machen  ( Seite 49). Geklärte, wahrhaftige Bürger gehen verantwortungsvoll mit dem Gemeinwesen um.  Eine sehr alte Wurzel des Denkens, das heute wieder in neuen Gewändern seine Bedeutung gewinnt.

Und was tun Sie, um sich Sicherheit und Souveränität auch in den schwierigsten Situationen zu erhalten?

Interessante Literatur hierzu:
J. Bauer, Selbststeuerung – die Wiederentdeckung des freien Willens
Antonio R. Damasio, Ich fühle, also bin ich – Die Entschlüsselung des Bewusstseins
Chade-Meng Tan, Search Inside Yourself 
I.Stewart/ V.Joines, Die Transaktionsanalyse
H. Arendt, Sokrates – Apologie der Pluralität

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